Geschichte

Rayonhäuser: Errichtet, um zu fallen

Es hat etwas Absurdes: Ein Haus wird so konstruiert, dass es schnell dem Erdboden gleichgemacht, das Material ohne großen Aufwand weggeschafft werden kann. Es ist weder für den größtmöglichen Schutz, noch für den längstmöglichen Bestand gebaut. Und doch stehen einige dieser Häuser seit fast 150 Jahren, scheinen ihrem ursprünglichen Diktat zu trotzen. Formal ist dieses Diktat festgeschrieben in einem Gesetz, das dem Haus nicht nur die Bauweise, sondern auch den Standort zuweist. Das sogenannte Reichsrayongesetz von 1871 definiert drei Zonen vor der Festungsmauer – die Rayone – und belegt sie mit baulichen Bestimmungen. Der Gedanke dahinter: Den eigenen Kanonen und Gewehren soll freies Schussfeld, dem Feind hingegen keine Deckung geboten werden. So wird das erste Rayon, ein Streifen von 600 Metern Breite, mit der Auflage bedacht, nur mit Holz- oder Blechschuppen bebaut zu werden. Während die Bebauung des dritten Rayons nur durch die Ausrichtung der Straße beschränkt wird, finden sich im zweiten die Rayonhäuser.

Rayone Magdeburg 1974
Rekonstruierter Rayonverlauf in Magdeburg nach Standorten der Rayonhäuser 1974 v. Julius Sieg. Quelle: Landeshauptstadt Magdeburg (Hrsg.): Fachwerkhäuser in Magdeburg. 1996.

Was gebaut ist für den Abriss, so könnte man meinen, genießt weder eine schöne Architektur, noch handwerkliche Feinheiten. Doch auch in diesem Aspekt widersprechen die Rayonhäuser ihrer Bestimmung. Bei allen Auflagen bezüglich Höhe, Wandstärke und Verzapfung sind es gerade die Rayonhäuser, die sich – orientiert am klassischen Fachwerkhaus – mit einer aufwendigen Gestaltung hervortun. Es entstehen geräumige Villen, Mietshäuser und sogar Fabriken mit aufwendigen Giebeln unterschiedlichster Ausformung, verzierten Fensterrahmen und mehrfarbigen Ziegelmustern. Es scheint, als würden sich die Menschen bewusst dem militärstrategisch vorgegeben Pragmatismus versagen. Vielleicht ist es eine Reaktion auf die Tatsache, dass für die Errichtung der Rayone rund um die Festungsstadt Magdeburg mehr als 400 Häuser, darunter auch Kirchen und Hospitäler, abgerissen wurden.

1891 wird das Reichsrayongesetz gekippt. Ein Großteil der Rayonhäuser wird in den folgenden Jahrzehnten von Modernisierung und Zerstörung heimgesucht. Etwa 45 sträuben sich bis heute ihrem Auftrag: schnell zu fallen.

Das Rayon Haus in der Steinigstraße 1a

Eines jener Häuser, die nicht fallen wollen, ist das Rayon Haus in der Steinigstraße 1a. 1874 von einem Getreidehändler errichtet, dient es über ein Jahrhundert lang als Wohnhaus. 1998 wird es vom Justizministerium als Bürogebäude genutzt. Bis dahin wird das Haus mehrfach innen und außen baulich verändert: Zwischendecken und -wände werden eingezogen, Verkleidungen im Innenraum ergänzt und sogar Anbauten werden hinzugefügt.

Rayon Haus Stadtfeld

124 Jahre nach seiner Errichtung scheint das Rayon Haus doch noch seinem Schicksal näher zu rücken: Im Dezember 1998 wird es wegen eines Bauschadens geräumt und gesperrt. Doch das Gebäude gehört mittlerweile fest zum Stadtfeld – der Erhalt liegt den Menschen am Herzen. Nicht nur lokal: Eine Architektin aus Oldenburg kauft es auf mit dem Ziel, das Haus vor dem Verfall zu bewahren. Nach dem Eigentümerwechsel beginnen 2003 umfassende Sanierungsarbeiten, die den Originalzustand des Hauses anstreben. Alle Veränderungen am Gebäude werden zurückgebaut. Ausbesserungen, beispielsweise an der Fassade, werden möglichst originalgetreu vorgenommen. Die übrigen Maßnahmen beziehen sich auf den Erhalt der Grundsubstanz sowie der Erbstücke, die die Zeit überdauert haben: Das Treppenhaus mit Holztreppe und -geländer, das bunte Ornamentglasfenster im Treppenhaus, die Innentüren mit Messingbeschlägen und die Gussheizkörper werden aufgearbeitet.

2004 wird das Rayon Haus als Bar und Restaurant für einige Jahre wiedereröffnet. Nachdem die Betreiber die Lokalität jedoch aufgeben, bleibt es zwischenzeitlich ungenutzt, um dann bis Herbst 2017 wieder als Wohnhaus genutzt zu werden.

Neubezug 2018: 144 Jahre Widerspenstigkeit

Unsere Suche nach Räumlichkeiten für eine neue Lokalität folgte einem markanten Kriterium: Wir wollten ein Gebäude mit Charakter beziehen. Das Rayon Haus in der Steinigstraße 1a mit seiner Widerspenstigkeit gegen den eigentlichen Bauzweck imponierte uns. Zudem schienen uns die Lage und die Beliebtheit der Vorgänger-Bar als gute Voraussetzungen. Und letzten Endes wollten wir auch der Stadt eines seiner unzähligen historischen, aber leider ungenutzten Gebäude zurückgeben.

rayonhaus stadtfeld

Am 9. März 2018 bezogen wir also das Rayon Haus mit einer neuen Lokalität. Unser Ansatz: Die Tradition in die Neuzeit holen. Der Fachwerk-typische Bau bleibt sowohl außen als auch innen vollständig erhalten. Das Farbkonzept sowie Teile der Inneneinrichtung sind modern. Die Bar ist beispielsweise ein maßgeschneiderter Neubau. Einen Großteil der alten Bestuhlung konnten wir gut erhalten wieder auftreiben. Die Erbstücke, die bis 2003 durchgehalten haben – Treppenhaus, Ornamentglasfenster, Innentüren und Gussheizkörper –, schmücken das Gebäude noch immer.

Das mittlerweile 144 Jahre alte Haus bleibt weiterhin widerspenstig, sträubt sich gegen Verfall und Abriss. Und auch wenn es polemisch klingen mag: Wir sind unglaublich glücklich darüber, einen Teil dazu beizutragen.